Klaus Schloßmacher

Percussion

 

15.02.99
Kölner gelten als "brasilianischste aller Germanen"
Von Dirk Förger


Köln - Das ganze Viertel im Freudentaumel. Samba-Gruppen ziehen durch die Straßen,
gefolgt von einer ganzen Horde schwitzender Jugendlicher, die im Rhythmus der Musik
mittänzeln und ihre Hüften schwingen. Ort der Handlung ist nicht etwa das sommerliche Rio,
sondern Köln während der "fünften Jahreszeit". Bei Temperaturen, die in Brasilien jede Feier
gefrieren lassen würden, werden die Jecken am Rhein erst richtig warm.Noch gibt die
"Decke Trumm" (die dicke Trommel) den Takt vor und noch immer "kütt" am heutigen
Rosenmontag "D'r Zoch": 9000 Teilnehmer, 350 Reiter, 117 Kapellen sowie 74 Festwagen
bilden einen sechs Kilometer langen Lindwurm, werfen 140 Tonnen Süßigkeiten und 300 000
"Strüßje" (Blumensträußchen). Doch kommen im Kölner Karneval zunehmend auch die
mitreißenden Rhythmen der schweren Surdo-Trommeln und anderer Schlaginstrumente
hinzu. Die Domstädter haben sich mittlerweile als die "brasilianischsten aller Germanen"
(Zitat eines Südamerikaners) geoutet: Zehn bis 15 größere Samba-Gruppen sind das ganze
Jahr über aktiv und gehen insbesondere während der "tollen Tage" auf die Straßen. Die
Samba-Rhythmen entstammen verschiedenen Gebieten Brasiliens. Samba-Batucada, der
sehr schnell ist, kommt beispielsweise aus Rio. Ricky Martin, der im letzten Jahr einige Hits
("Maria") landete, baut auf einen ähnlichen hämmernden Beat. Der in der Region Salvador
de Bahia kreierte Samba-Reggae ist etwas langsamer. Und der Maracatu wurde ursprünglich
während Krönungszeremonien im Kongo gespielt.Bereits vor einigen Jahren integrierte die
Kölner Mundartgruppe Bläck Fööss ein Samba-Medley in ihr Programm und trat gemeinsam
mit der Gruppe Klüngel Tropical auf. Als am letzten Freitag auf dem traditionellen
Medizinerball der Strom ausfiel, griff die Band Alex Scorier kurzerhand zu den
Trommelstöcken. Gemeinsam mit dem Publikum legten sie eine rasante Samba-Session
ein.Das Samba-Fieber ergriff Köln schon Mitte der achtziger Jahre. Inzwischen haben sich
regelrechte Samba-Schulen herausgebildet. Bloco poca Mareaviva, Sambacana und
Piementa Malagueta gehören dazu. Leiter der letztgenannten Formation ist der 30jährige
Klaus Schloßmacher. "Ich nahm 1988 an einem Anfängerkurs für Samba-Percussion teil;
seitdem hat mich der Rhythmus nicht mehr losgelassen", berichtet Schloßmacher. Heute
gebe er selbst Kurse und trainiere einmal in der Woche mit seiner Gruppe Piementa
Malagueta, die nach einem brasilianischen Gewürz aus Pfefferschoten benannt ist.Neben
Heiße Samba-Rhythmen im kalten Karneval den alternativen Angeboten wie Stunksitzung und Geisterzug hat der Samba dafür gesorgt, daß auch Menschen, die dem etablierten Karneval ablehnend gegenüberstanden, heute mitfeiern.